AUSTELLUNG VON MARCUS BERKMANN

Täglich
(Eintritt frei)
www.marcusberkmann.de

Ausgehend von Rudolf Arnheims Essay „Entropie und Kunst” untersucht Marcus Berkmann die Wahrnehmung von Ordnung, Chaos und Verfall.

Ausstellungsstücke | Fotografien

Betonmühle, 2005 (Beton, Holz, Elektromotor)
Die verwendeten Mühlsteine wurden mit einer „grauen Energie” (Zermahlen des Natursteins, brennen, Beischlagstoffe, Mischen, Transport) von rund 4,6 kw/h hergestellt, was ganz grob dem Energiebedarf von 3 Waschmaschinenladungen entspricht. Entsprechend der Unumkehrbarkeit entropischer Prozesse ist diese Energie nicht nutzbar, sondern im Fall von Beton im Material gebunden. Das Zermahlen der schwarzen und weißen Scheiben zu grauem Staub erfordert sogar noch mehr Energie, als deren Herstellung.

Kugelmacher, 2005 (Beton, Holz, Edelstahl)
Der Kraftaufwand des Betrachters wird in Lärm, kinetische Energie und eine geringfügige Menge Wärme umgewandelt. Nach langer Zeit verändert sich die artifizielle Form der Betonwürfel in der Maschine (niedrige Entropie) in natürlichere Kugelformen, die durch ein Loch in der Trommel auf den Boden fallen.

Ausschnitte aus Bildern William Turners, Dezember 2007
Turner ist ein Musterfall der Entropie: Seine Farben waren so schlecht zusammengesetzt, dass sie oft unmittelbar nach dem Malprozess verfielen, seine Malweise begründete den Begriff der Formauflösung, seine Interessen galten den Phänomenen der Thermodynamik und sein Leben war ein Chaos. Es geht um Verfall, das Scheitern, Abwracken, Schiffbruch, Stürme, Dampf, Kohle.

Abbröckelndes, Wienzeile, 5. April 2008
„Die Dinge können sich &aml;ndern und Mauern können einstürzen, Regierungen zerbrechen, Systeme zerfallen, die Lichter gehen aus – Mauern stürzen ein” (Paul Weller, 1985). In den sozialen Theorien seit dem späten 19. Jahrhundert ist der Begriff der Entropie mit dem Ende der Gesellschaft (Anarchie) einerseits oder den sozialen Utopien anderseits verbunden. Mit dem Putz fängt es an.

Tinte, 26. April 2008

Risse, München, Oktober 2007
Das Irreversible ist kennzeichnend für die Entropie: sie ist nicht umkehrbar. Aufgrund von Witterungseinflüssen oder mechanischen Belastungen können in mineralischen Strukturen Spannungen auftreten, die zu Rissen führen. Das ist bei sachgerechtem Umgang selten, aber es passiert. Niemals hingegen verschwindet ein Riss von alleine. Weder in der Natur noch irgendwo sonst.

Rost, München, Oktober 2007
„Je mehr ich über Stahl nachdenke, desto mehr wird Rost zu einer fundamentalen Eigenschaft von Stahl. Rost (...) ist durch Oxidation verursacht (...), wenn nämlich Stahl der Luft oder Feuchtigkeit ausgesetzt wird. Rost besteht fast vollständig aus Eisenoxid (Fe2O3) und Eisenhydroxid (Fe(OH)3). Bei einem technischen Geist ruft Rost eine Furcht vor Unbrauchbarkeit, Stehenbleiben, Entropie oder Verfall hervor. Dass Stahl höher eingeschätzt wird als Rost ist ein technologischer Wert, kein künstlerischer.“ (Robert Smithson: A sedimentation of the mind. Artforum September 1968)

Löwenzahnzufall, Steiermark, 22. Mai 2008
Der Informationsgehalt einer Seite eines Würfels beträgt 2,58 bit, die Wahrscheinlichkeit ist ein Sechstel. Die Anordnung einer Würfelseite in einer Blumenwiese zu finden scheint recht unwahrscheinlich. Tatsächlich ist jedoch die Chance, ein paar Blumen in Form einer Würfelfünf zu finden, nicht viel niedriger als irgendeine andere Konstellation, vorausgesetzt wir nehmen jede als individuell wahr.

Gullideckel, Wien Juli 2008

Motorradteileladen, Augsburg, 22. August 2008
Die Ordnung der Elemente eines Systems kann unterschiedlichsten Kategorien folgen. Hier könnte man nach Baujahr, Hersteller, Modell, Gewicht, Farbe oder Verkaufbarkeit sortieren. Fachkraft für Lagerlogistik ist ein Ausbildungsberuf. Mittlerweile überlässt man ab einer gewissen Teilemenge diese Aufgabe Robotern, die in ihrer Freizeit immer neue, bedarfsorientierte Ordnungsstrukturen anlegen.

Strukturschöpfungen mineralogischen Ursprungs, verschiedene Fundorte, 21. April 2008
Die anorganische Welt muss nicht einem höheren Ziel wie der Arterhaltung oder ästhetischen Normen dienen und kann es entsprechend bunter treiben.

Plakate, Wien, 5. April 2008
Was aufgehängt wird kommt wieder runter. Oder wird überklebt. Reste bleiben. Den hohen ästhetischen Reiz und die enorme Interpretierbarkeit solcher als Decollagen bekannt gewordener „Werke” erkannten seit den fünfziger Jahren Künstler wie Dufrene oder Rotella. Wien unternimmt wie andere Städte auch große Anstrengungen, dieses kreative zufällige Schaffen zu unterbinden.

Unbekannte Schnittblume, zwei Wochen im Mai 2008
Die sich selbst im Makroskopischen perfekt organisierende Natur wendet im Kleinen unzählige Verfallsprozesse an, um sich der Entropie zu widersetzen. Der zumeist negativ konnotierte Begriff Verfall macht den Ablauf nicht nur des Systems Natur überhaupt erst möglich. Alles was entsteht ist wert, dass es zugrunde geht.

Mülltonnen zwischen Akademiestraße und Arnulfstraße, München
„Müll einzusammeln ist eine Aufgabe der gesellschaftlichen Hygiene. Recycling, der Höhepunkt der kapitalistischen Alchemie, löst alles in Staub der Mühlen der Warenwelt auf. Aber es ist auch eine Strategie der ästhetischen Sublimierung, die (...) der Moderne inne wohnt.” Bois, Krauss: Formless. 1997. Der Müll einer Gesellschaft entspricht den Wärmeverlusten in der Thermodynamik. Am Ende eines jeden noch so effektiven Recyclingprozesses steht die Müllverbrennung und somit der Wärmetod.